Rittersteine – Eine ganz besondere Sammlung

Was für viele Pfälzer und Pfalzwanderer längst zum festen Bestandteil einer gelungenen Wanderung gehört, erschließt sich dem Angereisten wohl kaum auf den ersten Blick. Schade, denn das Netz aus Kleinstdenkmälern ist einzigartig  in Deutschland, hält das Gedenken an pfälzer Berühmheiten aufrecht und bewahrt Relikte längst vergangener Tage vor dem Vergessen. Das Sammeln der mehr als 300 Steinmarkierungen ist längst Teil einer eingeschworenen Sammlergemeinschaft geworden und Beschäftigung über Jahre hinweg. Was sind Rittersteine? Welchen Zweck erfüllen sie und wie kann ich sie finden? Auf all diese und mehr Fragen bekommt ihr in diesem Beitrag eine Antwort.

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Ritterstein Nr. 257 – markiert die Überreste eines Ringwalls aus dem 9. Jahrhundert, über dem Ort Gimmeldingen.

Bedeutung

Unter Rittersteinen versteht man Steinmarkierungen und Inschriften im Pfälzerwald, die Auskunft über den kulturellen und geschichtlichen Hintergrund des Ortes geben, an dem sie errichtet wurden. Dafür wurden die vor Ort befindlichen Natursteine verwendet oder Steinstelen und Findlinge aufgestellt. Wenige Ausnahmen bilden ganze Felsmassive, Burgen oder das Mauerwerk von Bergwerken. Sie sind steinerne Geschichtsschreibungen und bilden ein Netz von Kleinstdenkmälern, das einzigartig in der Bundesrepublik Deutschland ist! Da vom Pfälzerwaldverein ins Leben gerufen, kommen sie auch ausschließlich im Pfälzerwald vor. Sie markieren meist unscheinbare Orte und erklären deren Geschichte, die dem Wanderer andernfalls völlig verborgen bleiben würden.

Nr 281 - Leiningische Hofruine Weilach (Bad Dürkheim)

Ritterstein Nr. 281 – markiert die Überreste eines Hofgutes der Leininger Grafen, das mehrere hundert Jahre an gleicher Stelle stand.

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Eckpfeiler der Hofruine Weilach.

Aussehen und Formen

Rittersteine bestehen zumeist aus großen Monolithen oder Stelen, in die der Name, die Bedeutung des Ortes und das Kürzel PWV für Pfälzerwaldverein eingraviert wurden. Die Schriftzüge sind überwiegend in gelber, seltener auch in goldener Farbe gehalten. Walter Eitelmann, der 6 Jahre jeden einzelnen Stein aufgespürt, erforscht und in seinem umfassenden Werk Rittersteine im Pfälzerwald katalogisiert hat, teilt die Marken in folgende acht, heute anerkannte Gruppen ein:

  • Orientierungspunkte
  • verschwundene Siedlungen
  • Schlachtfelder, Schanzen (Festungsbauten), historische Begebenheiten und Legenden
  • Holzwirtschaft und Flößerei
  • Forst- und Jagdbetrieb
  • Viehwirtschaft und Wolfsplage
  • Industrien
  • Persönlichkeiten
Nr 46 - Tiergarten (Wilgartswiesen)

Ritterstein Nr. 46 – markiert das ehemalige Wildgehege der Reichfeste Falkenburg, das zu deren Fleischversorgung diente. (Ohne Ritterstein nur eine Lichtung ohne Zweck und Namen!)

Name und Geschichte

Schon ab 1908 wurden bereits die ersten Steinmarken im Pfälzerwald auf Initiative von Peter Häberle aufgestellt, der 1864 geboren, ein zu dieser Zeit anerkannter Geologe, Paläontologe und Heimatforscher war. Zeitgleich war das Gründungsmitglied des Pfälzerwaldvereins, Karl Albrecht von Ritter, Forstdirektor und Unterstützer der Aufstellung und entscheidend bei der Findung neuer Standorte. Da die überwältigende Mehrheit der damals aufgestellten Steine auf die Vorschläge von Ritter zurückgingen, entschied die Mitgliederversammlung von 1912, eben diesen seinen Namen zu geben. Von da an, bis in unsere Zeit, sind die Markierungen als Rittersteine bekannt.

Nr 282 - Rote Hohl (Bad Dürkheim)

Ritterstein Nr. 282 – markiert die Kreuzung zweier im Mittelalter bedeutender Handelsstraßen, die u.a. Altleiningen und Hardenburg verbanden. (Ohne Ritterstein nur eine von hundert anderen Wegspinnen im Wald!)

Der Erste Weltkrieg und seine Folgen lies die Rittersteine allmählich in Vergessenheit geraten, bis ab den 30er Jahren ihre Suche und Erforschung begann. Emil Ohler, der 1959 starb, widmete diesem Ziel 20 Jahre seines Lebens und bekam dafür das Bundesverdienstkreuz. Bis 1966 führte Karl Becker Ohlers Arbeit fort, die insbesondere darin bestand, eine aktuallisierte Liste aller bisher aufgestellten und verbliebenen Rittersteine zu erstellen, deren Anzahl zwischenzeitlich gestiegen war. Der 2009 verstorbene Walter Eitelmann brachte dieses Vorhaben zu seinem würdigen Abschluss, indem er sein Buch Rittersteine im Pfälzerwald veröffentlichte. Bis 1972 durchkämmte er den Pfälzerwald, setzte Steine wieder instand, befragte die Ältesten der angrenzenden Dörfer und sammelte das bisher umfassendste Wissen zu allen bekannten Rittersteinen. Sein Buch ist neben einer 1916 erschienenen, unvollständigen Liste, das erste vollständige und umfassende Werk über diese einzigartige Sammlung Kleinstdenkmäler.

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Ritterstein Nr. 220 – markiert eine frühmittelalterliche Holzburg, die Friedrich Barbarossa als Jagdschloss nutzte. (Da kein einziger Stein mehr auf dem anderen steht, für Laien und ohne Ritterstein nur ein Felsmassiv mit schöner Aussicht!)

Anzahl und Standorte

Es existieren heute noch 306 Rittersteine, von ehemals 315. Sie verteilen sich über alle Himmelsrichtungen im Pfälzerwald und sind in den neueren Wanderkarten des Landesvermessungsamtes auch mit eigenem Symbol, teilweise auch namentlich abgebildet. Was die Suche im Vergleich zu Eitelmanns Zeiten erheblich vereinfacht. Denn als sein Buch erschien gab es bekanntlich noch kein GPS oder Markierungen in den einschlägigen Wanderkarten. Damals musste man nach dem Gauß-Krügerschen Gitternetz, mit Hilfe des Rechts- und Hochwert den genauen Standort auf dem Meßtischblatt ermitteln. Dankenswerterweise liegen die meisten Marken genau auf den Wanderwegen des Pfälzerwaldverein oder den Premium- und Prädikatswegen. Lediglich die Ruinen weit abseits gelegener Gutshöfe mitten im Nirgendwo stellen eine echte Herausforderung dar. Die vollständige Liste mit Name, Bedeutung, Kategorie und Standort kann über nachfolgenden Link bei Wikipedia eingesehen werden: >Liste

Nr 58 - Zimmerplatz (Landauer Hütte)

Ritterstein Nr. 58 – markiert die Lichtung, die zur Bearbeitung der Bauhölzer bei der Erbauung von Burg Neuscharfeneck angelegt wurde. An gleicher Stelle befand sich später der Schlossgarten der Burg. (Heute steht an gleicher Stelle die Landauer Hütte des PWV.)

Nr 58,2 - Zimmerplatz (Landauer Hütte)

Blick vom gegenüberliegenden Zimmerbrunnen zur Ruine Neuscharfeneck.

Verschollen

Neben den 306 bekannten und dokumentierten Rittersteinen gab es noch weitere 9 Steinmarken, die heute als verschollen gelten. Namentlich:

  • Flößholzhof
  • Melkerplätzel
  • Eichertshals
  • Teufelstisch
  • Oberer Hammer
  • Ruine Jagdschloss
  • Ruine Neu-Falkenburg
  • Nußknick
  • Zollsträßchen

Von der Mehrheit der Steine wird vermutet, dass sie dem Krieg, beim Bau des Westwalls oder der Zivilisation, etwa durch den Straßenbau zum Opfer fielen. Belegt ist davon allerdings nichts und so hat der ein oder andere Jäger des verlorenen Schatzes doch noch insgeheim die Hoffnung, einen der neun Rittersteine zu finden. Und eines steht fest: Dem, dem das Meisterstück gelingt einen zu finden, sieht möglicherweise bald selbst seinen eigenen Namen mit gelber Schrift in Stein graviert.

Nr 21 - Drei Eichen (Böllenborn)

Ritterstein Nr. 23 – markiert den Standort dreier Eichen, die bei der Stürmung des Farrenberg im Zweiten Weltkrieg zerschossen wurden. Heute wachsen an gleicher Stelle drei junge Eichen nach.

Informationsquelle

Sowohl die Informationen auf den wenigen Wanderseiten, die dieses Thema behandeln, als auch die Einträge in Wikipedia gehen allesamt auf das Werk Walter Eitelmanns zurück, dessen Buch zwar eine dritte Auflage erreichte, heute aber nicht mehr verlegt wird. Wer über die Informationen von Wikipedia hinaus noch etwas über die Markierungen erfahren möchte, dem sei das Buch wärmstens empfohlen. Als gebraucht und teilweise auch neuwertig sind noch immer einzelne Exemplare in den einschlägigen Handelsplätzen verfügbar, zum Beispiel auf booklooker.de!  Zur Not lest ihr einfach weiterhin meinen Blog, immerhin bearbeite ich das Thema recht ausführlich in meinen Wanderbeiträgen, sofern Steine auf der Strecke oder nahe daran liegen.

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Karte des LvermGeo mit eingetragenen Rittersteinen und das Buch Walter Eitelmanns.

Ich hoffe ich konnte euch das Thema etwas näher bringen, vielleicht sogar ein bißchen Ehrgeiz wecken, beim nächsten Pfalzurlaub nach welchen Ausschau zu halten. Falls euch der Artikel gefallen hat, gebt mit ein „Like“ oder zeigt der Kommentarspalte etwas Liebe. Aber vor allem:

Bleibt wandern!

Patrick Scheller

 

4 Gedanken zu “Rittersteine – Eine ganz besondere Sammlung

  1. gsharald schreibt:

    Hallo Patrick,
    Danke für den interessanten Beitrag. Jetzt weiß ich auch weshalb die Rittersteine so heißen. Auf WP kann man immer etwas lernen. Kürzlich las ich einen Beitrag über Myriadensteine. Das war auch sehr interessant.
    Ein schönes Wochenende für Dich.
    Harald

    Gefällt 1 Person

  2. samojedenerlebnisse schreibt:

    Hallo Patrick, schön gemacht! Ich hab ja jetzt auch mit der Jagd auf die Rittersteine begonnen und schon so viele hilfreiche Tips von dir bekommen – Danke!
    Ich bin so frei und werde bzgl. der Rittersteine von meinem Blog zu deinem Artikel hier verlinken (deine Erklärung ist super gemacht und ich spar mir die Arbeit 😉 ).
    LG Andrea

    Gefällt 1 Person

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