Nollenkopf-Doppelschleife

Genau das Richtige für Pfadfans, Felsen- und Burgenbegeisterte. Die Reise verschlägt mich nach Neustadt an der Weinstraße, zurück ins Wander-Eldorado Haardt. Es geht hoch hinaus: Mit beinahe 800 Höhenmetern stellt die Runde doch deutliche Ansprüche an Teilzeitwanderer – ich überschreite zwei Gipfel und streife die Ausläufer des höchsten Berges des Pfälzerwald! Die Wegpunkte sind fein gestaffelt und abwechslungsreich. Zigeunerfels, Aussichten am laufenden Band und eine der historisch bedeutsamsten Burgen der Bundesrepublik lassen niemals Langeweile aufkommen. Endlose Traumpfade führen zu einer Hütte des Pfälzerwaldverein, nordwestlich der altehrwürdigen Weindörfer Maikammer und St. Martin. Selbstredend liegt auch ein Ritterstein auf der Strecke, die es auf zwölf Kilometer Länge bringt. – Ein Wanderweg der Marke Eigenbau.

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Blick zur Wolfsburg über dem Speyerbachtal.

Da ich die Runde ursprünglich als Geburtstagstour für meine bessere Wanderhälfte geplant hatte, Andy aber zum 500sten Mal beim Handball umgeknickt ist, mache ich mich nun alleine auf den Weg. Es juckt einfach unter den Füßen. Diesmal Anreise mit dem Zug, was mich in Summe einen Zuweg von fünf Kilometern kostet und zwingt, die ehemals geplanten zwanzig auf zwölf zu kürzen. Ich komme mit Zuweg also immer noch auf siebzehn Kilometer. Die Route setze ich aus zwei Wegschlaufen zusammen, die ich Schloss- und Nollenkopfschleife taufe. Da die Strecke zur Hälfte über den Pfälzer Weinsteig verläuft, den perfekt markierten Weitwanderweg durch die Haardt, lenkt mich dessen Logo bereits ab Bahnhof zielsicher aus der Stadt und zum eigentlichen Startpunkt, dem Wanderparkplatz Am Nollen. (Das Auto bitte hier abstellen!)

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Traumpfad nach dem Wolfsburgblick.

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Auf dem Weg zum Zigeunerfels.

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Da die Schleifen beide an eigenen Wanderparkplätzen liegen, kann man diese nach Wunsch auch einzeln gehen und zu einer Nachmittagsrunde umwandeln oder aber um die Kalmitschlaufe erweitern, die über ein kurzes Verbindungsstück zwischen Hohe Loog und Hahnenschritt erreicht werden kann. Alleine schon wegen der spektakulären Felstrümmerlandschaft auf dem Hüttenberg lohnt sich dieser Abstecher! Die Varianten habe ich euch mit einer extra Karte in der Übersicht aufgeschlüsselt. Ich jedenfalls tauche am Nollen angekommen, in den Mischwald ein und folge weiterhin dem Weinsteiglogo moderat bergan.

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Am Zigeunerfels.

Über breiten Forstweg gelange ich geradewegs zum ersten Aussichtspunkt, mit Blick auf die gegenüberliegende Wolfsburg. Die ausladende Ruine nimmt mit ihren 140m Länge den gesamten Bergsporn in Beschlag und thront majestätisch über dem Speyerbachtal. Danach wirds abenteuerlich: ein echter Traumpfad schlängelt sich den Berg hinauf. Zu allen Seiten sind die Hänge mit bemoosten Felsen übersäht, steinerne Treppen führen hart an bizarren Formationen vorbei und enden später am Naturdenkmal Zigeunerfels. – Ein größeres Massiv mit Aussichtsplateau.

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Aussichtspunkt oberhalb des Zigeunerfels.

Es folgt die erste echte Konditionsprobe. Immerhin müssen 490 Höhenmeter bewältigt werden, ehe man den Gipfel des Nollenkopf erreicht. Der felsige Aussichtspunkt hält zu mehreren Seiten tolle Ausblicke bereit. Der Rastplatz bietet Gelegenheit, den Wasserhaushalt wieder ins Reine zu bringen. Über den Kanonenweg steige ich zum nächsten Wegpunkt ab: Grandioser Naturpfad durch reinen Kiefernwald, in dem die Franzosen im Pfälzischen Erbfolgekrieg mehrere Schanzen errichteten. Kaum auszumalen, wenn die Heidefelder hier in voller Blüte stehen.

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Auf dem Nollenkopfgipfel.

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Französische Inschrift von 1696 zum Gedenken an die Schanzen des Kanonenwegs.

Die Szenerie behält ihren Charme bei und dekoriert den fortlaufenden Pfad zur Schutzhütte Speyerheld mit etwas Birkeneinschlag und versprengten Felstrümmern. Sehr schön! Vor ihr steht Ritterstein Nr. 284, ebenfalls mit Namen Speyerheld. – Nur ein Hinweis auf die Speyerhalde, eine Waldschneise, durch die sich die Grenze des Speyerer Haagwaldes steil zum Triftbrunnen zieht. Es geht weiter bergab zum Hambacher Bergstein, einem kleinen Aussichtfelsen mit Traumblick über die oberrheinische Tiefebene und zur nahegelegenen Kästenburg unter mir, der ich heute noch einen Besuch abstatte.

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Auf dem Kanonenweg.

Der Schlussabstieg zur Kästenburg steht dem ersten Wegviertel in nichts nach. Zu Füßen der Feste, die heute unter >Hambacher Schloss bekannt ist, kann zünftig eingekehrt werden. Die >Burgschänke Rittersberg kredenzt die pfälzer Landesküche. Ein 600m langer Stichweg führt auf den Schlossberg und zu Füßen der Burg, die vor einigen Jahren zum europäischen Kulturerbe erklärt wurde. Das Innere dient als Tagungsstätte, außerdem nutzt die rheinland-pfälzische Landesregierung die Anlage für Staatsempfänge. (Auch Ronald Reagan war schon hier!) Im preisgekrönten Museumsanbau wird die Schlossgeschichte und das Hambacher Fest veranschaulicht.

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Am Aussichtspunkt Hambacher Bergstein.

Das Schloss ist heute weniger wegen seiner Bausubstanz, sondern eben durch das Hambacher Fest bekannt, das im Mai 1832 stattfand und Ausdruck der deutschen Demokratiebewegung war. Auch wenn die einstige Burg unheimlich schön anzusehen ist und lediglich der Zinnenkranz und das aufgemauerte dritte Geschoss aus der Neuzeit stammen. Vereinfacht und in eigenen Worten ausgedrückt: Als Napoleon die linksrheinischen Gebiete anektierte und ins französische Kaiserreich eingliederte, vielen seine neuen Reichsbürger automatisch unter den Schutz des Code Civil, des französischen bürgerlichen Gesetzbuches, ein zu dieser Zeit und in Europa fortschrittliches, einzigartiges Gesetzesdokument. Nach der vernichtenden Niederlage in der Völkerschlacht bei Leipzig fielen die Gebiete wieder zurück an die Deutschen Staaten, die Pfalz letztenendes an das Königreich Bayern, das Napoleon selbst 1806 als militärischen Vasall proklamiert hatte.

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Das Hambacher Schloss. (=Kästenburg)

In der Folge schränkten (nicht nur) die bayrischen Könige suksessive die Rechte ihrer Untertanen wieder ein, was auf zunehmenden Unmut im Bürgertum stieß, das immer mehr erstarkte. Die Augen durch den Code Civil geöffnet, angefeuert durch die Reihe an Revolutionen, die auf dem ganzen Kontinent ab 1830 ausbrachen und beflügelt durch den französischen Ruf nach Freiheit, trafen sich im nahen Neustadt Massen an Revolutionären aus allen Staaten und Fürstentümern deutschen Bodens, sowie aus England, Polen und Frankreich. Mit der Forderung nach Volkssouveränität, Demokratie, Pressefreiheit und nationaler Einheit und angeführt von den führenden Denkern ihrer Zeit, zogen schließlich 30.000 Menschen aus allen Bevölkerungsschichten auf das Schloss und hissten auf der Turmruine das allererste Mal die schwarz-rot-goldene Flagge, die in dieser Form heute unser nationales Symbol ist.

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Die Zusammenkunft der Epochen: Links und rechts mittelalterliches Buckelquadermauerwerk, mittig die aufgemauerte Schlossfassade.

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Besuchereingang des Hambacher Schlosses.

Ich lasse den Ort noch etwas auf mich wirken und folge schließlich meiner Markierung weiter Richtung Hohe Loog. Die verlorene Höhe muss natürlich zurückgewonnen werden, was bis zum 618m hohen Gipfel ausnahmslos Steigung bedeutet. Anfänglich über Waldautobahn mit tollen Ausblicken, später erneut über grandiosen Pfad durch lichten Kiefernwald. Ich bin im siebten Wanderhimmel! Das Hohe-Loog-Haus liegt nur wenige Meter unterhalb des Gipfel und gehört somit zu den höchsten Hütten im Pfälzerwald, was von der Terasse einen überwältigenden Blick zur Rheinebene und auf die gegenüberliegende Kalmit zur Folge hat. – Mit 672 Höhenmetern der höchste Berg des Pfälzerwald.

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Traumpfad zur Hohen Loog.

Wer mich kennt weis, dass meine Laufrichtung meistens einen Grund hat. Da mit der Hohen Loog (übersetzt: hohe Grenze) der höchste Punkt erreicht ist und der Rückweg kontinuierlich bergab führt, darf hier gerne ausgiebig geschlemmt werden. Das >Hohe-Loog-Haus gehört zum Hüttenverbund des Pfälzerwaldverein, hat somit Mittwochs und an Wochenenden geöffnet und bietet große, schmackhafte Portionen zu fairen Preisen. Ein Paar „Pälzer Brotwerscht“ mit Überlänge, ein halber Eimer Kraut und zwei Scheiben Bauernbrot haben mich 6,50€ gekostet. Für den Radler musste ich lächerliche 2,50€ bezahlen: toll. Mein Mahl genieße ich draußen, da es bei der aktuellen Witterung drinnen für gewöhnlich voll wie in einer Wursthaut ist. Zwischen dem Kauen genieße ich mit breitem Grinsen das Haardtpanorama von der leeren Terasse.

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Blick von der Hohen Loog zur Kalmit.

Kreis 1

Ich trete die Heimreise an und statte vorher dem felsüberzogenen Gipfel noch einen Besuch ab. Der Rückweg fällt denkbar einfach aus. Immer dem roten Kreis folgend stets hinunter und das ein allerletztes Mal über schmalen Pfad, durch tolle Waldbilder. Die herbstliche Stimmung tut natürlich ihr Übriges dazu, auch wenn keinerlei Wegpunkte mehr auf der Strecke liegen und lediglich die Speyerheldhütte nochmalig gekreuzt wird. Gut genährt und mit Hilfe der Schwerkraft, fliege ich förmlich ins Tal und erreiche so früher als erwartet, wieder den (eigentlichen) Ausgangspunkt „Am Nollen“.

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Zum Gipfel der Hohen Loog.

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Auf dem Gipfel der Hohen Loog.

Fazit: Hier ein Highlight herauspicken zu wollen, ist völlig absurd. Die ganze Tour ist eine einzige Aneinanderreihung von Höhepunkten. Fast schon normal für die Haardt, verläuft die Strecke fast ausnahmslos über tollen Pfad. Da die Wanderung mit lediglich zwei Markierungen auskommt, fällt die Orientierung denkbar leicht aus. Zumal die Logos lückenlos angebracht sind. Um sich hier zu verlaufen brauchts Talent. Die Anstiege sind anstrengend, aber für jeden mit einem Mindestmaß an Kondition machbar. Ausreichend Flüssigkeit ist Pflicht, wer zu den Öffnungszeiten der Hütten geht, kann sich theoretisch das Käsebrot sparen. Ich muss es sagen: Für mich eine der schönsten Touren im Pfälzerwald. Absolute Wanderempfehlung.

Bleibt wandern!

Euer Patrick Scheller

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Hohe – Loog – Haus.

Tipp: In Anlehnung an das Hambacher Schloss und seine Geschichte, empfehle ich einen Besuch der Altstadt Neustadts. Hier steht das >Scheffelhaus, einer der Orte, wo sich 1832 die Freiheits- und Demokratiekämpfer trafen. Außerdem lässt sich in mehreren >Lokalen in uriger Fachwerkatmosphäre gutbürgerlich essen. Das Renaissanceschloss Casimirianum, das älteste Fachwerkhaus der Pfalz und der Elwetritschbrunnen vervollständigen den historischen Stadtkern. In der gotischen >Stiftskirche, die bedeutendste der Pfalz, läutet außerdem die größte Gussstahlglocke der Welt, ihre Gruft ist Grablege der Wittelsbacher. Im Saalbau am Bahnhof wird jährlich die deutsche Weinkönigin gekrönt: soll heißen, ein Besuch lohnt sich! Wer fünf Minuten seiner Lebenszeit investieren möchte, kann sich zum Thema Hambacher Fest einen Beitrag der Deutschen Welle auf Youtube ansehen: >Video.

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Auf dem Rückweg.

 

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ÜBERSICHT

Ort: 67433 Neustadt a.d.W. (-Hambach)

Parkplatz: Wanderparkplatz Am Nollen (über die Straße „Am Nollen“)

Länge: 12 Kilometer

  • Nollenkopfschleife – 4,5km
  • Schlossschleife – 7,5km

An- und Abstieg: 760 Höhenmeter

  • Nollenkopfschleife – 290Hm
  • Schlossschleife – 470Hm

Karte: Oberhaardt von Neustadt a.d.W. bis zum Queichtal (Blatt 6 Landesvermessungsamt – 1:25000)

Karte Nollenkopf Doppelschleife

VARIANTE (mit Kalmit und Felsenmeer)

Alternativparkplätze: Hüttenhohl oder Hahnenschritt (beide über Totenkopfstraße/ L514)

Länge: 20,5 Kilometer

  • plus Kalmitschleife – 5km
  • plus Verbindungsstück – 1,75km (einfach)

An- und Abstieg: 1380 Höhenmeter

  • plus Kalmitschleife – 290Hm
  • plus Verbindungsstück – 165Hm (einfach)

Karte Schleifentriologie Kalmit

11 Gedanken zu “Nollenkopf-Doppelschleife

  1. samojedenerlebnisse schreibt:

    Hallo Patrick,
    das passt mir gerade gut mit der Möglichkeit die Tour aufzuteilen. Wir müssen uns jetzt leider auf etwas kürzere Wanderungen beschränken wenn mein alter Hund Ryuuki mitwandert. Aber zum Glück bietet die Region ja auch auf kurzen Runden wunderbare Erlebnisse!
    Felsenmeer, Kalmit und Hohe Loog ich an einem eisigen Februartag 2017 besucht und es hat mir sehr gefallen.
    Liebe Grüße,
    Andrea

    Gefällt 1 Person

    • Patrick Scheller schreibt:

      Hi Andrea. Danke für dein Feedback. Und du hast natürlich recht, zumal es ja eigtl. auch völlig egal ist, wie groß die Tour ist, Hauptsache man ist draußen in der Natur und bekommt den Kopf freigepustet. Du hast es ja auch nicht allzu weit, anreisetechnisch.
      LG Pat

      Gefällt mir

  2. Evelyn Lange schreibt:

    Lieber Patrick,
    da ich noch nie einen Kommentar auf deiner Seite hinterlassen habe bin ich trotz allem ein großer Fan deiner Beiträge und Touren. 🤗
    Ich hätte gerne mal die ein oder andere Tour mit dir gemacht aber dies Ist leider nicht möglich😔.
    Ich genieße weiterhin deine Beiträge und tollen Fotos 😉.
    Mache weiter so.
    Glg Evelyn

    Gefällt 1 Person

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