Kleine Burgenkunde

Zur Abwechslung mal ein Artikel der etwas anderen Art! Als Geschichtsfan und Burgenbegeisterter fahnde ich immer nach Rundwanderungen, die mir möglichst auch mit einer Burg als Wegpunkt dienen, was im Pfälzerwald nicht allzu schwer fällt, der mit über 500 Ruinen eine beinahe unbegrenzte Fülle an Möglichkeiten bietet. Die Idee des Artikels ist, die Begrifflichkeiten, die ich immer wieder in meinen Artikeln verwende, zu erläutern und mit passenden Bildern der für die Südpfalz typischen Felsenburgen zu veranschaulichen.

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Blick auf den Rest des Aborterkers (Mitte oben) Lindelbrunns.

ABORT

Die ersten mittelalterlichen Toiletten bestanden aus einfachen Erdaushüben. Die steinerne Weiterentwicklung führte innerhalb der Burg, die Exkremente in einen Schacht ins Burginnere ab, der regelmäßig von Hand geleert werden musste. Der späte Aborterker ragte aus der Außenmauer und führte die Ausscheidungen direkt nach draußen ab, meist in den Burggraben. Auch Nischen innerhalb der Mauer, mit schräg nach außen führenden Schächten brachten eine deutliche Verbesserung der Hygiene.

Ein teilweise erhaltener Aborterker befindet sich auf Burg Lindelbrunn bei Vorderweidenthal.

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Aus der Ringmauer vorstehende Barbakane Burg Gräfensteins.

BARBAKANE

Ein der Kernburg vorgelagerter Befestigungsbau (auch Vorwerk genannt), der den Zweck hatte, dass Burgtor durch Flankenbeschuss zu schützen. In der Regel wurde die Barbakane jenseits des Halsgrabens errichten, seltener hinter ihm. Hatte die gegnerische Streitkraft den Graben überwunden, konnten sie vorläufig (bei letzterem Modell) vorm Burgtor gestoppt und von oben beschossen werden.

Ein gutes Beispiel gibt das fünf Meter starke Rondell der Hohenburg im Elsass nahe Nothweiler ab, das in Hufeisenform das innere Burgtor schützt. Auch Burg Gräfenstein bei Merzalben hat ein in Teilen erhaltenes Vorwerk.

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Keilförmiges Bollwerk auf Burg Neudahn.

BOLLWERK

Ähnlich wie die Barbakane, diente das Bollwerk (auch Bastei oder Bastion genannt) dem Flankenbeschuss in vorgelagerter Position. Die ersten Bauten dieses Systems bestanden aus aufgeschütteten Erdwällen, die mit Holz und Flechtwerk verstärkt waren. Im Laufe der Zeit entwickelten sich daraus massive Steinbauten, die mehreren Geschützen wie Kartaunen oder Scharfmetzen Platz boten. Die Bastion steht in spitzem Winkel aus der Mauer hervor (z.B. die typischen Zacken bei modernen Sternforts) und ist im Grunde die Weiterentwicklung der Flankierungstürme in Ringmauern.

Ein tolles Beispiel eines keilförmigen Bollwerks steht in der Ruine Neudahn vor Dahn.

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Blick auf die Zwillings-Batterietürme Neudahns.

BATTERIETURM

Nicht vorgelagert, sondern ein im Mauerring integrierter, großer und meist kreisrunder Geschützturm, der über mehrere Stockwerke Kanonen aufnehmen konnte, die wiederum mehrere Angriffsseiten bestreichen konnten.

Eindrucksvolle Beispiele für stark befestigte, große Batterietürme sind auf Burg Nanstein bei Landstuhl zu finden, der Feste des Ritters Franz von Sickingen und auf der Festungs- und Schlossruine Hardenburg in Bad Dürkheim, dem Stammsitz des Leininger Adelsgeschlechts. Auch Burg Neudahn bietet zwei in voller Höhe erhaltene Zwillingstürme.

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Bergfried mit originalem Portal auf Burg Scharfenberg.

BERGFRIED

Unter dem Bergfried versteht man den höchsten Turm einer Burg, der allein der Repräsentation diente und ein Zeichen von Machtanspruch und Reichtum war und keinesfalls Wohnzwecken dienen sollte. Bergfriede weisen große Mauerstärken auf und konnten in die Ring- oder Schildmauer integriert sein, dienten auch zu Verteidungszwecken und hatten ihr Portal daher in schwer erreichbarer, großer Höhe.

Begehbare, in voller Höhe erhaltene Bergfriede stehen auf Burg Wachtenburg bei Wachenheim (Bad Dürkheim), Burg Gräfenstein bei Merzalben und auf Burg Landeck in Klingenmünster.

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Mantelmauer mit dahinter liegendem Bergfried Burg Gräfensteins. (=Buckelquadermauerwerk)

BERING

Der Bering oder auch Ringmauer genannt, ist die Umfassungsmauer, die das Burginnere befestigte und jene Seiten der Burg schützte, die nicht direkt zur Hauptangriffsseite zeigten. Der Bering ist im Regelfall zinnenbewehrt und mit Flankierungstürmen, Schießscharten und Wehrgängen versehen. Eine Abart der Ringmauer bildet die Mantelmauer (auch Hoher Mantel), eine besonders hohe, teilweise der Höhe der Schildmauer angeglichenen Umfassungsmauer, die bei manchen Burgen auch die gleiche Funktion der Schildmauer einnahm.

Schöne Beispiele hierfür, sind ebenfalls Burg Wachtenburg und Burg Landeck, die beide auf voller Länge und Höhe erhaltene Ringmauern aufweisen, in die Flankierungstürme eingelassen sind. Ein Beispiel für eine Mantelmauer bietet Burg Gräfenstein.

BUCKELQUADER

Buckelquader, seltener Bossenquader genannt, sind die Hauptwerksteine, mit denen fast alle pfälzer Burgen aufgemauert wurden. Die rechteckigen Quader wurden aus dem leicht verfüg- und überall in der Pfalz auffindbaren Sandstein gemeißelt und weisen zur Schauseite hin, eine leichte Wölbung (=den Buckel) auf. Die oft anzutreffenden Löcher (Zangenlöcher) sind nicht etwa durch Beschuss entstanden, sondern vereinfachten das Verfugen und Greifen mit der Zange. Buckelquader sind die edlere Form der geglätteten Werksteine.

Eindrucksvolles Beispiel dieses Mauerwerks bietet beispielsweise Burg Trifels bei Annweiler, deren Palas und Bergfried fast vollständig aus Buckelquadern besteht.

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Im Halsgraben Burg Landecks.

HALSGRABEN

Der Halsgraben oder Burgraben ist eine künstlich erschaffene Vertiefung im Bergmassiv, welche die Burg zur Angriffsseite vom Berg trennt und den Angriff auf Schildmauer und Burgtor erschwerte. Die Gräben wurden mit einziehbaren Zugbrücken überwunden. Den Halsgraben findet man im Grunde nur auf Burgen die in Spornlage stehen, also nur zur Bergseite hin angreifbar sind, und zu allen drei anderen Seiten ein stark abfallendes Gelände aufweisen. Burgen ohne Halsgraben gibt es wenige, aber mit der Ruine Lindelbrunn in Vorderweidenthal ein gutes Beispiel dafür. Sie nimmt einen großen Felsen ein, der wiederum auf einem für den Wasgau typischen Kegelberg steht und einen natürlichen Schutz durch das zu allen Seiten stark abfallende Gelände bietet. Weder Halsgraben (für den es auch keinen Platz gäbe) noch Schildmauer sind hier zu finden und so bilden die Außenmauern der Repräsentations- und Wohnbauten bereits den eigtl. Bering und Schutz gegen Angriffe.

Bestes Beispiel für einen Halsgraben ist abermals Burg Landeck in Klingenmünster.

KERNBURG

Die Kernburg, bzw. Oberburg, ist der bedeutendste und wichtigste Teil der Burg, der die herrschaftlichen Wohnräume, also den Palas sowie den Bergfried beherbergt und deshalb auch der am stärksten befestigste ist. Sie ist mindestens von Schild- und Ringmauer umgeben, in den meisten Fällen zusätzlich durch einen Zwinger geschützt. Da in der Pfalz und den Nordvogesen nahezu alle Burgen als Felsenburgen gebaut wurden, also ein großes Sandsteinmassiv als Basis für An- und Aufbauten diente und sein Inneres oft mit Kammern und Gängen versehen ist, spricht man für gewöhnlich von Ober- und Unterburg, da die Kernburg das oberste Plateau des Felsens einnimmt und die Wirtschaftsgebäude der Vorburg, am Fuße des Massivs an den Felsen gelehnt wurden.

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Kragsteine im Palas Kleinwasigensteins.

KRAGSTEIN

Kragsteine oder Konsolen sind aus dem Mauerwerk herausragende Steine, die eine tragende Funktion erfüllten. Beispielsweise für Deckenbalken, Balkone oder Figuren. Die Vorsprünge wurden überwiegend ihrer Funktion als Trageelement völlig schmucklos gehalten und nur selten figürlich ausgeformt.

Kragsteine finden sich im Grunde in allen Burgruinen der Pfalz, in denen noch mehrgeschossige Mauern aufragen.

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Maßwerkfenster auf Burg/Kloster Limburg.

MAßWERK

Unter Maßwerk versteht man die in der Gotik vorkommende, reichhaltig verzierte Form von Fenstern, die in ihrem spitzen Bogen meist Blumenmuster aus Sandstein aufweisen.

Schöne Beispiele für Maßwerkfenster sind im Elsass auf der Ruine Wasigenstein bei Obersteinbach zu finden oder in Bad Dürkheim im Kloster Limburg.

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In der Palasruine von Burg Gräfenstein.

PALAS

Der Palas ist das Hauptwohngebäude (bzw. der Saalbau) einer Burg und diente ebenso zu repräsentativen Zwecken, weshalb er nahezu immer mehrstöckig aufgebaut ist und Kamin, eine Vielzahl von Sitznischen und Maßwerkfenster aufweist. 

Die vll anschaulichsten Palasruinen sind auf Burg Frankenstein bei Kaiserslautern und Burg Gräfenstein bei Merzalben zu bewundern. Ein vollständiges Bild erhält man im rekonstruierten Palas Burg Trifels‘ über Annweiler.

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Maulscharte im Batterieturm Neudahns.

SCHIEßSCHARTE

Schießscharten sind von innen nach außen spitz zulaufende, schmale Maueröffnungen, die den Beschuss der Angreifer ermöglichten. Die vertikal angelegten Scharten dienten erst Bogenschützen, später Armbrustschützen und der Verwendung von Handfeuerwaffen. Die horizontal ausgeführten, breiteren Scharten waren auch für kleinkalibrige Geschütze gedacht. Unter Maul-, Schlüssel- oder Brillenscharten versteht man besonders ausgeformte Variationen der Schießscharte. Erstere, ist eine in waagerechter Form angelegte Geschützschießscharte, die oft tierkopfähnliche Fratzenformen haben, die zweite in Form eines umgedrehten Schlüssellochs und letztere in Brillenform, also zwei mit einer Aussparung verbundene Kreise.

Die gewöhnlichen Schießscharten lassen sich auf allen Burgen mit Ringmauerresten finden. Tolle Beispiele für Maul- und Schlüsselscharten finden sich auf Burg Neudahn und auf Burg Schoeneck im Elsass.

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Die Schildmauer Neuscharfenecks verdeckt die gesamte Kern- und Vorburg.

SCHILDMAUER

Die Schildmauer ist der höchste und am stärksten befestigte Mauerteil einer Burg, der wie es der Name schon verrät, wie ein Schutzschild die Kernburg und ihre Gebäude zur Angriffsseite hin, vor Beschuss schützte und abschirmte. Die Mauerstärken wurden mit Aufkommen der frühen Kanonen immer breiter und erreichten mehrere Meter Durchmesser. Zur Gegenwehr dienten Wehrgang und Schießscharten, vereinzelt auch Plattformen für Geschütze. Noch seltener finden sich Kasematten (Mannschaftsräume) im Innern.

Als größte und stärkste Schildmauer der Pfalz zählt jene der Burg Neuscharfeneck bei Dernbach, nahe Annweiler, deren Plattform begehbar ist und die in ihrem Innern erhaltene Kasematten beherbergt.

VORBURG

Die Vorburg, bzw. Unterburg, ist der ummauerte Teil, der der Kernburg vorgelagert ist und die Wirtschaftsgebäude beherbergte. Also Küche, Schmiede, Stall und auch die Behausungen des Gesinde und gemeinen Volks. Die Vorburg war aufgrund ihres geringeren Wertes stets weniger gut befestigt und wehrhaft als die Kernburg.

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Zisterne Großwasigensteins mit eingemeißelten Zuläufen.

ZISTERNE

Die Zisterne diente als Auffangbehälter für Regenwasser der Wasserversorgung der Burg. Besondere Bedeutung hatte diese bei Burgen ohne Brunnen. Die oft unterirdisch angelegten Becken wurden zumeist in den Fels getrieben, seltener aufgemauert. In den Stein gehauene Zuflussrinnen speißten die Auffangbecken. Unter Filterzisternen versteht man eine besondere Form der Zisterne, bei der das Wasser zuerst durch eine mit Sand gefüllte Kammer floss und dadurch gefiltert wurde.

Zisternen lassen sich auf fast allen Felsenburgen der Südpfalz finden.

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Im Zwinger Neuscharfenecks.

ZWINGER

Als Zwinger gilt ein spätes Verteidigungssystem, das durch eine niedrige äußere und eine innere, höhere und stärkere Mauer, einen langgezogenen schmalen Raum schafft, in dem die Angreifer nach Durchdringen der äußeren Verteidigung aufgefangen und beschossen werden konnten. Eine Innovation, die man erst nach den ersten Kreuzzügen aus dem Orient übernahm und in Europa etablierte.

Ein gutes Beispiel gibt der Zwinger der Ruine Neuscharfeneck bei Dernbach ab.

Viel Spaß beim Entdecken. Bleibt wandern!

Patrick Scheller

Anmerkung: Wer beim Blick auf das Maulscharten-Bild gedacht hat, Moment mal, dieses blauweisse Schild kenne ich doch, hat das vermutlich auch schon dutzende Male gesehen. Es befindet sich im Grunde an nahezu allen denkmalgeschützten, historischen Bauten von besonderem Wert und ist das Zeichen der Haager Konvention von 1954, die diese Gebäude unter besonderen Schutz stellt und im Kriegsfall die Zerstörung oder Plünderung verbietet. Ob das dann beim Knopfdrücker ankommt, ist natürlich eine andere Sache, was jedem klar sein dürfte, der die Vorher-nachher-Bilder Palmyras oder der Kreuzfahrerfeste Krak de Chevaliers in Syrien gesehen hat.

4 Gedanken zu “Kleine Burgenkunde

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