Maimonter Ostschleife

Heute wird die Jumbopackung Kultur und Natur aufgerissen. Zum Vorschein kommen vier Burgen und drei Felsformationen, die Andy und mich in die Südpfalz locken. Entgegen der sonstigen Rundtouren treffen wir uns auf dem Wanderparkplatz Nothweilers, der der heutige Schlusspunkt sein wird und fahren mit dem zweiten Auto weiter nach Petersbächel, das genau an das Elsass angrenzt und durch den Grenzberg Maimont vom französischen Obersteinbach getrennt wird. Die Burgen Blumenstein, Wasigenstein, Froensburg und Fleckenstein werden uns heute begegnen. Die Buntsandsteingiganten Klingelfels, Zigeunerfels und Langenfels runden das Programm mit vielen spektakulären Aussichten und dem Fleckensteiner Weiher ab. Unsere Route schickt uns von West nach Ost über das gesamte Kartenblatt meiner Wanderkarte: es wird an der 20km Schallmauer gekratzt, die uns einiges an Zeit und Ausdauer abverlangen wird.

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Eine Kiefer am Burgfelsen Blumensteins.

Der Maimont ist ein Grenzberg, der reich an Sagen und Ereignissen aus allen Epochen europäischer Geschichte ist. Seinen Gipfel krönt heute ein Friedenskreuz, das der Opfer der Schlacht um den Maimont gedenkt und ebenfalls als Aussichtspunkt fungiert. Hunderte Soldaten, deutsche wie französische, ließen hier zu Beginn des Westfeldzuges 1940 ihr Leben und liegen nun auf dem Soldatenfriedhof in Dahn begraben. Eine Opferschale und Trümmer einer Ringwallanlage sind die letzten Zeugnisse keltischer Besiedlung. Der Felsen des Wasigenstein soll Austragungsort des Titanenkampfes gewesen sein. Schenkt man dem Waltharilied Glauben, haben unterhalb und zwischen den beiden Burgfelsen, Hagen von Tronje und Gunther von Burgund mit Walther von Aquitanien die Klingen gekreuzt.

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Andy in der Felskammer Blumensteins.

Es geht vom Parkplatz der Pfälzerwaldvereinshütte  ein paar Meter an Neubauten vorbei, direkt in den Wald, der hier von Buchen dominiert wird und nur gelegentlich von Kiefern durchwirkt ist. Ich passiere einen Grenzstein von 1759, der immer noch wie neu aussieht und wandere meiner Wegmarkierung folgend, zur ersten Wegspinne. Der Aufstieg zu dieser Kreuzung ist der reinste Wadensprenger, die Steigung am Rande der Illegalität. Der Berg feuert die erste Breitseite auf unsere Muskulatur ab und reißt schon jetzt kleine Löcher in die Kondition. Hat man dieses Hindernis allerdings überwunden, kann man sich ab Zollstock (=Wegspinne) auf der erreichten Höhe vorläufig ausruhen und stellt fest, dass sich Wandershirts auch wunderbar als Handtücher eignen.

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Burgfelsen und Bergfried Großwasigensteins.

Von nun an geht es nur noch mit geringer Steigung Richtung Blumenstein. Der Weg führt größtenteils über Waldautobahn (Forstweg), die um den Maimont und zur Ruine Wasigenstein führt. Vorm Eintritt in den Obersteinbacher Wald zweigt ein schmaler Pfad nach links ab, der mit deutlichem Gefälle zur Burg Blumenstein führt. Die erste urkundliche Erwähnung findet 1332 statt, wobei wie bei eigtl. allen Felsenburgen des südlichen Pfälzerwaldes die exakte Entstehungszeit nicht geklärt werden kann. Die Burg wurde ursprünglich als Kriegsbefestigung genutzt und nicht als Adelssitz, weshalb ihr nie größere Besitzungen übertragen wurden. Die Ruine begeistert heute noch mit intakten Pferdeanbindevorrichtungen, der erhaltenen Zisterne, Felsentreppe und -kammer, sowie den eingeschossigen Resten des Wohnbaus. Gegenüber des Aufgangs steht ein Holztisch und zwei Bänke, von denen man einen schönen Ausblick auf die gegenüberliegenden Berge genießt. Auf dem Rest des heute nicht mehr existenten Bergfrieds klammert sich eine Kiefer fest: ein tolles Motiv. 

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Blick aus der Felskammer Großwasigensteins.

Nach der Besichtigung der Anlage, die der vorläufig letzte Wegpunkt auf deutschem Boden ist, geht es den Abzweig wieder zurück zum eigentlichen Streckenverlauf, nur dass das Gefälle nun zur Steigung wird und den nächsten Anschlag auf unsere Beine ausübt. Wir folgen dem Forstweg weiter um den Berg herum und erreichen nach einiger Zeit die zweite große Wegspinne. Auch hier zweigt ein Abstecher zum legendären Wasigenstein ab, der mit seinem Gefälle dem vorherigen in nichts nachsteht. Wasigenstein steht bereits auf elsässischem Gebiet und ist wohl neben Burg Fleckenstein die berühmteste Ruine Frankreichs. Diesen Status verdankt sie wohl hauptsächlich dem Waltharilied und ihrem hervorragenden Erhaltungszustand. Ihr historisch belegter Ursprung liegt im 13. Jahrhundert, wo sie vom Hofmarschall Hagenaus erbaut wurde. Ihr Ende findet die Burg im 17. Jahrhundert. Anfang 18. Jahrhundert wird sie nur noch als Ruine erwähnt. 

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Westmassiv der Zigeunerfelsen.

Klein- und Großwasigenstein stehen auf zwei gegenüberliegenden Felsen und gehören zu den besterhaltenen und schönsten Burgen des Elsass. Sie stehen in 340m Höhe über dem Langental, relativ nahe bei Obersteinbach. Ein Halsgraben trennt die Burg vom Bergmassiv, in das eine Filterzisterne gehauen wurde. Über Felsentreppen gelangt man in die Oberburgen, von denen allein Kleinwasigenstein drei in den Fels gearbeitete Stockerwerke zu bieten hat, auf die nochmals zweigeschossige turmartige Palasmauern aufbauen, die noch immer mit Sitznischen und Maßwerkfenstern begeistern. Über eine ausgedehnte Felsenkammer gelangt man auf den Rücken des Großwasigensteiner Burgfelsens und hat den Blick bis ins Steinbacher Tal frei.

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Ostmassiv der Zigeneunerfelsen mit Leiteraufgang.

Wir bemühen uns die Münder wieder zu schließen und wandern über den Klingelfels, einem kleineren aber schönen Buntsandsteinmassiv zu den Zigeunerfelsen, die bis ins 19. Jahrundert von selbigen bewohnt wurden. Hintergrund war die große Abneigung und Vorverurteilung der umliegenden Bevölkerung, die ein normales Leben in den Dörfern unmöglich machte und die Ausgestoßenen in den Schutz der Wälder zwang. Zuerst müssen wir natürlich den Abzweig wieder zurückwandern, der sich abermals in einen Anstieg wandelt und uns die nächsten Stiche versetzt. Die Zigeunerfelsen bestehen aus zwei Massiven, wovon das östliche über abenteuerliche Holz- und Steintreppen begehbar ist, die ihre besten Tage schon erkennbar hinter sich haben und bedrohlich von der Wand wegdriften. Vom Felsen hat man in den Sommermonaten vegetationsbedingt einen eher eingeschränkten Ausblick, der einen im Winter bis nach Niedersteinbach und zum Gallenwald blicken lässt. Am Fuße des Massivs erblicken wir einen ramponierten Hirschkäfer, der seinen finalen Abschied noch etwas hinauszögert und lahmen Schrittes seiner Wege zieht.

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Der angeschlagene Hirschkäfer am Fuße der Zigeunerfelsen.

Von nun an werden wir bis zur Ruine Froensburg über Waldpfad wandern, der nur noch geringfügig von Forstweg unterbrochen wird. Nach der Schutzhütte Col de Hichtenbach geht es über den Falkenberg und die Flanke des Engenteich zur Raubritterfeste, die bei Niedersteinbach über dem Tal thront und den Blick auf die gegenüberliegenden Hänge freigibt. Zwar gehen wir nun größtenteils bergab, dafür bricht die Sonne durch das lückenhafte Blätterdach und brät unsere Kopfhaut langsam knusprig. Die spektakuläre Anlage ist über mehrere Treppen begehbar, die an der Felswand lehnen und ins Innere führen. Über eine Felskammer gelangt man zur Oberburg, auf der nur noch wenig Mauerwerk vorhanden ist. Die Unterburg ist mit Balkenlöchern und Kammern übersäht und durch eine Holzbrücke mit einer bebauten Felsnadel verbunden. Wir nutzen die Burg für unsere erste Rast und genießen den Ausblick bei Speckstangen und Wasser.

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Burgfelsen und Felsnadel der Ruine Froensburg.

Ausgeruht und mit leichterem Rucksack geht es über breiten Forstweg bergab zum Fleckensteiner Weiher, der Fuchsberg und Thalenberg voneinander trennt und zum elsässischen Lembach gehört. Unterdessen feiert Andy’s Schrittzähler schon Zahlenfasching und schickt viertelstündlich neue Tages- und Wochenrekorde aufs Display. Ab Juli kann im See unter Aufsicht gebadet werden, der auch Standort eines Camping- und Zeltplatzes ist. Von Norden wird er durch die Sauer, einem Nebenfluss des Rhein durchflossen, im Süden zweigen Steinbach und Dentelbach ab, die durch die gleichnamigen Täler fließen. Der Weiher kann zu Fuß umrundet werden. Während der westliche Teil von kahlem Forstweg erschlossen ist, führt im Osten ein Traumpfad durch hüfthohe Gräßer und Wildblumen zu einer Schutzhütte, die Ausgangspunkt des Aufstiegs zur Ruine Fleckenstein ist. 

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Aussicht von der Oberburg.

Dachten wir bis dahin noch, der Anstieg hinter Petersbächel wäre brutal, schreiten wir nun durch die Ausgeburt des Leibhaftigen. Die Steigung lässt mich mehrere Male innehalten, während Andy so tut als müsste er auf mich warten und dem ganzen die Krone aufsetzt, als er sich anbietet meine Kamera zu tragen. Dabei steht ihm selbst die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben, während mein Mund schon eine gesalzene Entgegnung formt, für die ich leider keinen Sauerstoff mehr aufbringen kann. Meine Beine fühlen sich an, als wären sie nur noch wenige Schritte vom Selbstmord entfernt, der sich erfreulicherweise noch abwenden lässt. Der durch die Steile eigentlich recht schnell nach oben führende Weg, wird schließlich doch noch überwunden und lässt uns zum Fuße des Fleckenstein gelangen, der einen 90m langen Felsen einnimmt und in Sichtweite zu Langenfels, Burg Löwenstein und der Gaststätte Gimbelhof liegt. 

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Am Fleckensteiner Weiher.

Die Anlage ist nicht frei zugänglich und darf nur gegen kleines Entgeld besichtigt werden. Das Ticket löst man im Burgshop, wenige Meter von der Ruine entfernt, an den sich Cafe und Museum anschließen. Die monumentale Anlage war Stammsitz des gleichnamigen Adelsgeschlechts und ist heute die bestbesuchte Burgruine Frankreichs, die jährlich fast 80000 Besucher anlockt und nur von der intakten Hohkönigsburg übertroffen wird. Die Mauern sind in stattlichen Teilen erhalten. Unter anderem können Ringmauer, Torwerk, Treppenturm und Palasreste bestaunt werden. Highlight ist der Aufgang durch unzählige Kammern, der auf die Oberburg führt, die mit 410m Höhe zugleich Aussichtpunkt über das Umland ist. Wir überlassen die Ruine allerdings ihrem Vermarktungsschicksal und sinken auf die Sitzgelegenheiten des Cafes, um einen Liter Radler zu tanken, der in uns erneut die Lebensgeister entfacht.

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Blick auf den Kletterhotspot Langenfels in unmittelbarer Nähe zur Ruine Fleckenstein.

Nach einer unglaublich kurzen Überlegungsphase sind wir zu der Überzeugung gelangt, dass wir die letzten drei Burgen der ursprünglich angestrebten sieben, nicht mehr in Angriff nehmen und stattdessen über die Flanke des Schlossbergs zum Gimbelhof wandern, um über einen Teilabschnitt des Grenzgängerweges zum Nothweilerer Wanderparkplatz zu gelangen. Der Wegverlauf ermöglicht uns nochmal den Nahblick über golden schimmernde Felder auf Burg Fleckenstein und hält ab Litschhof einen Traumpfad durch saftige Wiesen und eine Tallandschaft bereit. Wir verstauen unseren Balast im Kofferraum und laufen die wenigen Meter Richtung Ortskern. Aufmerksam nimmt der Wirt die Mischung aus Stolz, Glückseeligkeit und Erschöpfung war, mit der wir uns in die Stühle von Vetters Scheune sinken lassen, um unser wohlverdientes Abendmahl zu disponieren. Und dennoch sind wir uns einig, dass sich diese Tour gelohnt hat und unsere Strapazen jedes mal belohnt wurden.

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Wegstück zwischen Fleckenstein und Gimbelhof.

Fazit: Eine Wanderung, die grenzüberschreitend wie kaum eine andere, Natur- und Kulturdenkmäler aneinander reiht und die Mühen vieler harter Aufstiege mit postkartenreifen Aussichten belohnt. Der Fleckensteiner Weiher bildet einen schönen Kontrast zum felsen- und burgenreichen Rest der anspruchsvollen Tour, die den Wanderer fordert und Kondition verlangt. Ein gut gefüllter Rucksack ist ebenso Pflicht wie eine Karte für jeden, der wie wir Teilstrecken geht und nicht der perfekt markierten Gesamtroute des Deutsch-Französischen Burgenwegs folgt. Einkehren kann man am Fleckenstein, im Gimbelhof oder in Nothweiler. In Ermangelung einer adäquaten Steigerungsform bleibt mir nur zu schreiben: Absolute Wanderempfehlung!

Bleibt wandern!

Patrick Scheller

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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